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daily chronicle

Am Abgrund der Ruhe

und die Kunst eine Unterhaltung zu führen

Von Claudia Galhós

Man kann wohl behaupten, dass bei jedem Forschungstreffen, wo eine Gruppe von zwei oder mehr Leuten zusammenkommt, unweigerlich Gespräche entstehen, selbst wenn diese Personen aus unterschiedlichen Kunstrichtungen kommen. Seltsamerweise trifft diese Tatsache im Tanzhaus noch mehr zu, als die 20 Künstler vom TryAngle-Künstlerlabor in Düsseldorf sich in einen tiefschürfenden Prozess begeben, sich über künstlerische Arbeitsweisen auszutauschen.

Was bedeutet das? Eigentlich bedeutet es, dass die Kommunikationsformen und die Anzahl von Gesprächen sich dabei multiplizieren. Dies geschieht während Vorschläge gemacht werden, die sehr auf die Auswirkungen auf den Körper in einem bestimmten Zusammenhang gerichtet sind. Und das geschieht auch, während sich die Künstler über Verfahren zum Sammeln von Klängen oder Bildern sprechen, deren Bedeutung, Beschaffenheit und Anordnung danach umgewandelt werden soll. Und dies vollzieht sich auch in Prozessen, bei denen man auf Erfahrungen der Verkörperung stößt – entweder im Rahmen einer theoretischen Debatte oder einer Diskussion oder beim Austausch von künstlerischen Perspektiven.

Kommunikation entsteht im Rahmen von mehr oder weniger privaten Unterhaltungen, doch sie sind ein Zeichen für das tiefe Bedürfnis, mehr über den Anderen zu erfahren, einander Ideen und Erfahrungen mitzuteilen, um so eine fundierte Basis für einen bereichernden Austausch zu schaffen. Auf diese Weise können wir ein berührendes, wunderbares, inspirierendes und entwaffnendes Erlebnis miteinander teilen. Dabei sein zu dürfen bei diesem Wunder, Zeuge dieses Austauschs zu sein, ist ein echtes Privileg. Und es hat das gleiche Niveau wie ein körperliches, performatives oder Experimentieren mit verschiedenen künstlerischen Medien. Fast so, als würde man bei privaten, delikaten und fragilen Situation dabei sein, bei der die Teilnehmer ihre ganze Verwundbarkeit offen legen. Und in diesem Prozess entsteht auf einmal die Möglichkeit, jemanden zu entdecken, der sich bisher der Aufmerksamkeit entzogen hatte.

Das passiert so während einiger Gesprächssituationen. Und jeder, der zwar nicht direkt an dem Gespräch beteiligt ist, kann ihnen aus der Nähe folgen und sie wie privilegierte Zuschauer beobachten. Die Qualität, Intensität und der Inhalt des produzierten künstlerischen Materials entspricht dem Niveau jeder anderen Improvisationsstrategie oder Erinnerung von Artefakten, Bildern oder Choreografie-Lexika, das in einem strukturierteren Performance-Rahmen entwickelt wurde.

Dies war der Fall bei den Unterhaltungen zwischen Jayrope und Kingsley A. Odiaka im Zusammenhang mit dem Projekt „Hoffnungen der Jugend“ und ebenso bei den Veränderungsprozessen in Céciles Flugprojekt. Ein weiteres Beispiel ist die Strategie, auf die Li Alin beim Entwickeln von Material für das Projekt „Sex ohne Sex“ bei den ständigen persönlichen Begegnungen mit den anderen Künstlern stieß. Dazu kommt noch der Austausch von Meinungen und Standpunkten zu den jeweiligen Experimenten und Projekten in ihrer Entstehungsphase. Zusätzlich gibt es noch die Treffen im Forum am Morgen und die Treffen am Abend um sechs Uhr, bei dem man sich über das, was während des Tages passierte, austauschen konnte – vergleichbar mit den Ritualen einer großen Familie, die sich nach einer Reise wieder zusammenfindet und deren Mitglieder sich gegenseitig von ihren Erlebnissen erzählen.

Wenn man sich Céciles Flug-Projekt als Beispiel nimmt, dann drehte sich die künstlerische Recherche gerade noch um Aspekte des Fliegens, wendete sich dann in persönliche Gespräche, um dann in performative Strukturen überzugehen – und das mit einer Tiefe, die selten ist. In den letzten Jahrzehnten ist ja das Format von Konferenzen oder wissenschaftlichen Vortragsformaten als eine performative Form üblich geworden. Aber manchmal ist es gar nicht nötig, so weit zu gehen, Eine wirklich engagierter Austausch zwischen zwei Menschen ist bereits eine großartige Erfahrung, auch für denjenigen, der das Glück hat, bei diesem Gespräch dabei sein zu können. Und diese Situation enthält bereits das Potential eine störende oder gar verstörende Wirkung zu erzeugen, die jedes als zeitgenössisch definierte Kunstwerk haben sollte. Aber was macht letztendlich eine zeitgenössische künstlerische Arbeit zu einem Kunstwerk von Rang?

Übersetzung: Claudia Herms